Uncle Sam wants Europe - (c) Midjourney. prompted by Walther

Guter Hegemon – böser Hegemon

Ein märchenhafter Essay von Werner Theis

Es war einmal, beginnen Märchen und Zustände, die nie so waren, wie man sie sah. In diesem Falle ist die Heldin Europa, wobei nicht die Göttin, sondern der Kontinent bezeichnet ist.

Als alles seinen Lauf nahm, war dieser nicht sehr große Kontinent geteilt in ein West- und ein Ost-Europa. Über West-Europa herrschte ein guter Hegemon, die USA, auch bekannt als „Uncle Sam“. Über Ost-Europa wachte ein böser Hegemon namens UdSSR oder auch Sowjetunion. Und alles war gut. Zumindest in West-Europa.

Im Osten des Kontinents war es nicht so gut. Oder, besser formuliert, gar nicht gut. Dessen waren sich fast alle einig: die, die im Westen wohnten, und die, die im Osten wohnten. Auf beiden Seiten waren es nur sehr wenige, die so leben wollten, wie die im Osten mussten.

Als dann der Osten in sich zusammenstürzte, weil ein Sack Runkelrüben vom uralten Hänger eines Pferdefuhrwerks in Ostpolen fiel, waren alle glücklich und fielen sich in die Arme. Alle hatten sich lieb, und es gab nur noch einen guten Hegemonen, die USA. Der andere, böse, zerlegte sich in verschiedene Einzelteile, und das größte von ihnen, Russland mit Namen, wusste lange nicht, was es sein wollte:

  • kein Hegemon
  • ein guter Hegemon
  • kein guter Hegemon

Irgendwann kann im schlummernden Hegemonen, der noch nicht wusste, was er sein wollte oder sollte, ein Mann an die Macht, der aussieht wie ein Reptil. Er nannte sich Putin. Dieser verehrte Stalin, den bösesten aller Chefs des bösen Hegemonen UdSSR, als deren Erbe sich Russland auffasste. Er wollte dieses Großrussland, so verstand er die UdSSR oder die Sowjetunion, wieder zu alter Größe aufbauen.

Gesagt, getan. Er brauchte dazu eine Weile, aber er kam voran.

Nur das Europa in der Mitte wollte nicht verstehen, dass sich etwas geändert hatte. Es lag wieder zwischen einem guten und einem bösen Hegemonen.

Cozy times – cozy crimes

Alles ging der Gang der Dinge, auch wenn Putin an seinen Nachbarländern herumknabberte. Er naschte ein Stück von Georgien, schnappte sich die Krim, nibbelte Transnistrien von Moldawien und biss den Donbass aus der Ukraine.

Der große Rest Europas hatte einen Stuhlkreis namens NATO gebildet und fühlte sich sicher wie in Mutters Schoß, denn da war ja der gute Hegemon USA, der seine schützende Hand über das Klein- und Mittelstaaten-Gewimmel in dem Teil Europas hielt, der zum Stuhlkreis NATO dazugehörte.

Cozy times - cozy crime: Uncle Sam at the fireplace - (c) Midjourney, prompted by Walther

Beim Knabbern und Reinmeißen gab es lautstarke Proteste. Doch es geschah sonst nichts. Man war der Auffassung, dass niemand das schöne Bild des ewigen Friedens im Zentrum Europas stören würde. Uncle Sam würde aufpassen.

Man kann sich das wie folgt vorstellen. Draußen stürmts, hagelts, regnets, schneits. Uncle Sam sitzt im Ohrensessel am Kaminfeuer, hat ein paar Dutzend Hunde zu seinen Füßen und streichelt einen kleinen Welpen, der auf seinem Schoß sitzt.

Eine erste atmosphärische Störung

Das schöne Bild bekam seinen ersten Riss, als Uncle Sam zum ersten Mal als richtigen Namen den eines Herrn Donald J. Trump trug. Dessen Entourage sorgte damals noch dafür, dass es zwar arg, aber nicht wirklich schlimm kam.

Der gute Hegemon zeigte auf einmal, dass er auch eine hässliche Fratze tragen konnte. Es war nicht garantiert, dass er immer ein netter alter Mann – oder vielleicht, als Samantha – eine nette etwas ältere Frau war. Aus einem guten Hegemonen war zumindest ein gefährlicher, ein unberechenbarer, geworden.

Man mogelte sich seine erste Amtszeit hindurch. Der böse Hegemon in Russland rieb sich die Hände. Dann ein kurzes Luftholen, weil der mit der hässlichen Fratze aus dem Weißen Haus nach Mar-a-Lago umziehen musste – doch er kam später wieder. Es geschah also das, was keiner hatte glauben wollen – außer denen, die es besser wussten.

Das Staatengewimmel in Europa tat im Wesentlichen nichts. Außer denen, die den schlechten Atem des Russischen Bären im Genick spürten. Im hohen Norden, im Nordosten, in Polen. Der Rest saß im Stuhlkreis und sah dabei immer seine Nachbarn auffordernd an.

Das Reptil lässt marschieren

In der Schwächephase des guten Hegemonen nach den verlorenen Parlamentswahlen holte der böse Hegemon zum großen Schlag aus. Sein Ziel: Die kleine schwache Ukraine in einem großen Happen zu verspeisen. Das gelang nur ein wenig. Aber man ließ sich in Moskau, seiner Hauptstadt, nicht beirren. Jetzt kam es auf Geduld an. Und Widerstandsfähigkeit. Die hatte man – angesichts der europäischen Schwäch- und Weichlinge.

Seither verschwand Stück um Stück der Osten der Ukraine, die nicht zum Stuhlkreis gehörte, im Mund des bösen Hegemonen – ganz gleich, was diese taten. Der gute Hegemon war und blieb schwach und half nur zögerlich. Die, die den Atem des bösen Hegemonen im Nacken spürten, gaben reichlicher. Es traten sogar zwei dem Stuhlkreis bei, der sich aber nur sehr halbherzig zu der Unterstützung der schwachen kleinen Ukraine engagierte. Zum Glück war diese stärker als gedacht, und der böse Hegemon hatte Angst vor seinem Volk.

Das ging eine Weile hin und her, her und hin, die Soldaten starben, die Bomben fielen auf die armen und schwachen Ukrainer. Im Staatengewimmel geschah nichts Wesentliches. Man wollte einfach nicht verstehen.

Nach der nächsten Wahl zum neuen Uncle Sam kam der böse Kandidat ans Ruder. Aus dem guten Uncle Sam, der gelegentlich schlechte Laune hatte und auf den Tisch haute, würde der böse Uncle Sam mit Namen Donald J. Trump, der sich dieses Mal nicht mehr bremsen und einhegen ließ und zu allem Übel noch das Reptil in Moskau als Vorbild für sich selbst bewunderte.

Cozy times are over.  Cozy crimes, too

Das, was jetzt geschah, konnte man wieder mit dem Bild des gutherzigen Uncle Sam vergleichen, der im Ohrensessel saß, und zu seinen Füßen hatten sich zweieinhalb Dutzend Hunde gruppiert. Ein kleiner Welpe saß auf seinem Schoß und wurde von seiner großen Hand am Kopf gekrault.

Dieser neue, garstige Uncle Sam, saß nur kurz so da. Dann stand er wegen des mangelnden Einsatzes des Stuhlkreises verärgert auf, warf den Welpen in den Sessel und kickte die Hunde aus dem Haus hinaus vor die Tür ins Kalte, wo der Winter auf sie wartete und kein warmes Plätzchen, jeden Tag gutes Futter und jede Menge Streicheleinheiten.

Das Biedermeier, das andere als Peace Dividend bezeichneten, das Europa nach 1989 erfasst hatte, fand ein abruptes Ende. Das Schlimme war nur, dass es immer noch ein paar tumbe Toren gab und gibt, die dem Glauben anhingen, die sogenannten „guten, alten Zeiten“ kämen wieder. Damit sollte man beim besten Willen besser nicht rechnen.

Und jetzt müsste das Märchen eigentlich ein gutes Ende bekommen. Daraus wurde nur leider nichts.

Was nun, sprach Zeus

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Europa muss selbst zum Hegemonen werden. Wie das geht? Das Rezeptbuch ist bekannt:

  1. Gründung eines Europäischen Bundesstaates mit einheitlicher Außen- und Sicherheitspolitik
  2. atomare Bewaffnung unter dessen Befehlsgewalt
  3. Schaffung einer echten europäischen Armee unter dessen Kommando
  4. Wehrpflicht für Frauen und Männer
  5. Bewaffnung dieser Armee durch eine europäische Verteidigungsindustrie
  6. Weltraumverteidigung
  7. Cyberabwehr
  8. Geheimdienste, die den Namen verdienen
  9. Katastrophenschutz und territoriale Sicherheit gegen hybride Angriffe
  10. Aufbau einer Marine, die den Namen verdient
  11. digitale Souveränität in allen Bereichen
  12. usw. usf.

Wenn, ja, wenn in Europa einmal die nüchterne politische Klugheit über nationale Kleinstaaterei und falsch gewickeltes Friedenstaubenzüchten gewönne!

Leider gehen nur Märchen immer gut aus, wie wir wissen.

Bei der Wirklichkeit ist das anders.

*) Wikipedia schreibt zu „Hegemonie“ und erklärt dort auch den Begriff „Hegemon“: https://de.wikipedia.org/wiki/Hegemonie

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